Nach dreimonatiger Sommerabstinenz nun endlich mal wieder ein Posting. Nicht ganz unschuldig an meiner Pause war unter anderem auch die Vorbereitungszeit für mein Liveset auf dem diesjährigen Freerotation-Festival, das nun schon im 4. Jahr in einer geheimnisvollen Location tief in der Wildnis von Wales stattfindet und von Insidern nicht zu unrecht “die fetteste Houseparty der Welt” genannt wird.
Ein Festival, von dem vor allem hier in Deutschland kein Mensch etwas gehört hat, bei dem es nirgendwo Karten zu erwerben gibt und auf dem sich trotzdem internationale Größen wie Surgeon, Efdemin, Shackleton, Move D oder Soulphiction die Turntables an die Hand geben? Und das Ganze dann mit ca. 800 Gästen mitten in der Wildnis von Wales rund um ein hunderte Jahre altes Schlosshotel zur Sause des Jahres wird. Genau! Das ist das Freerotation: Kein Gequetsche, kein Stress, kein Anstehen, keine unerwünschten Krawallmacher, nur Musik und nette Leute. Und zwar Musik vom Besten was die Tanzfluhr-Kultur zu bieten hat. Von Ambient über Dubstep, House und Techno habe ich in den drei Tagen nicht ein einziges Mal den Eindruck gehabt, dass ich es hier mit minderwertiger Lückenfüller-Ware zu tun habe. Und das ist bei dem Überangebot an elektronischer Musik ja heute bereits zum Standard geworden. Es wurde durchweg, auch morgens schon, in der höchstmöglichen Qualitätsliga gekickt. Technisch wie musikalisch war ausnahmslos jeder Akt eine Attraktion für sich. Wie so ein Konzept funktioniert? Mit Mundpropaganda. Denn Karten bekommen nur die, die von anderen Besuchern des Festivals empfohlen wurden. Selbst Presseausweise scheint es hier nicht zu geben. So bleibt alles familiär. Wie in alten Zeiten als Techno und House noch keine Jahrmarktsattraktion war.

Die Anreise gestaltete sich für mich und Ed(.Arcade), der als Unterstützung mitgekommen war, relativ soft, da wir vom etwa 10 Minuten entfernten Frankfurter Flughafen abflogen. Gut zwei Stunden später waren wir dann auch schon in Birmingham und trafen dort auch schnell auf die anderen Deutschen, die langsam aus Stuttgart, Berlin oder München eintrudelten. Ab hier ging es dann mit einem bis unter die Decke vollbepackten Bus auf eine nochmal ca. zweistündige Fahrt in Richtung Nirgendwo.
Nachdem wir uns auf der Fahrt durch so ziemlich alle Wetterlagen zwischen strahlend blauem Himmel und sintflutartigem Regen gekämpft hatten, standen wir endlich vor der anmutigen Location, dem etwas in die Jahre gekommenem und mystisch wirkendem Schlosshotel Baskerville Hall. Nach der ersten Erkundungsreise war klar, es sollte zumindest von der Location her definitiv die Party des Jahres werden. Das Festival bot im Hotel selbst 3 Floors, die sich in Main 1 und 2 und der Lounge aufteilten, draußen gab es dann noch einen kuppelartigen Aufbau für alle Events, die tagsüber stattfanden. Dort befand sich auch der Cateringservice, der uns mit wirklich fantastischem veganem Essen versorgte. Danke an dieser Stelle nochmal an den “No Bones Jones”.
Was uns allerdings auch ziemlich schnell klar war, dass wir die Party hautnah in unserem Zimmer miterleben werden würden, denn wir hatten tatsächlich das Zimmer genau über dem Mainfloor 1. Gegen 22h war es dann auch vorbei mit der Ruhe vor dem Sturm und wir beschlossen an dem Treiben unter uns teil zu haben.
Da die meisten Gäste schon tagsüber angereist waren, war unten auch schon Full-House. Mit den Sets wie z.B. von Leif, Cosmin TRG, Portable und letztendlich Surgeon, der immer lauter und schneller wurde, als wir bereits im Bett lagen und ich den Eindruck hatte, mein Bett hüpft quer durch den Raum, waren wir dann für den ersten Abend mehr als bedient.

Nach einer sehr sehr kurzen Nacht ging es dann morgens direkt mit Tom Ellis weiter, der sein Liveset mit E-Bass präsentierte. Wirklich sehr gelungene Mischung aus House und Funk, die der Trimsound Chef und Freerotation Resident uns da präsentierte. Im Laufe des Tages war dann hauptsächlich das Set von Jackmate zu erwähnen, das wir dann auch recht euphorisch feierten.
Gegen 23h legte dann Christina Wheeler eine ziemlich gute Liveperformance mit Gesang in Harfe hin und sorgte mit vollem Haus in der Lounge schon für sitzendes Publikum, das ich mit meinem für diese Veranstaltung recht experimentellen Live-Set erstmal zum Tanzen bewegen musste. Das klappte dann nach einiger Zeit auch prächtig und bewies mir, dass man mit seiner Performance durchaus auch etwas riskieren und aus der Reihe tanzen kann ohne, dass die Leute es einem übel nehmen. Und dass es mit der Zeit immer voller wurde, bestätigte diesen Eindruck nochmal. Nachdem ich dann nach ca. eineinhalb Stunden fertig war, wurden alle Zeiger auf Party gestellt und so tanzten wir von einem Raum zum nächsten, um bis in die frühen Morgenstunden das Freerotation voll auszukosten. Zu erwähnen war ein komplett improvisiertes Liveset von Reagenz, das ganz auf Laptop verzichtete und komplett analog auf einer TR-808 und einem SH-101 gespielt wurde.

Am nächsten Tag sollte laut Aussagen der alten Hasen aus den Vorjahren der intensivste Tag werden. Er begann schon morgens bei einem ausgiebigen Bierfühstück und ging den sonnig von Set zu Set weiter. Ich habe selten so eine euphorische Stimmung erlebt, wie an diesem Tag. Mein Lieblingset war von Roberto Q. Ingram, der mit seinem extrem pushenden und melodischem Detroitsound die mittlerweile fast komplett verkleidete Menge regelmäßig zu Ausrasten brachte. In Wales scheint es in Mode zu sein, sich hin und wieder total affig zu verkleiden. Von Pandabär bis Nachtgespenst war da so ziemlich alles dabei.
Die Nacht besiegelte dann ein fantastisches Liveset von Soulphiction, der mit seiner Freundin Suzana am Mic zu überzeugen wusste, ein ziemlich deepes Set von Fred P., der Detroit nochmal zwei Stufen tiefer legte, und letztendlich der Veranstalter Steevio, der mit seiner Freundin auf ein Liveset auf einem analogen Modularsystem spielte. Leider war ich zu dieser Zeit schon ziemlich Out of Order und musste mich da auf ein youtube-Video beziehen.
Am Abreisetag ging dann nochmal alles drunter und drüber. Da wir von Birmingham aus flogen, in Brüssel umsteigen mussten und der Flieger in Birmingham eine Stunde Verspätung hatte, mussten wir am Brüsseler Flughafen dann nochmal richtig Gas geben. Wir rannten durch den kompletten Flughafen, der gefühlte 15km lang war bis fast zum letzten Gate, um dann in letzter Minute festzustellen, dass dieses bereits geschlossen war und uns das Flugzeug vor der Nase weg flog. Nun standen wir völlig verzweifelt, mit schweren Kreislaufproblemen, ohne Gepäck und halb verdurstet am Brüssler Flughafen. Zum Glück hatten wir den routinierten David (Move D) dabei, der das Kindchen nach zweistündiger Odyssee dann schaukelte. Wir bekamen eine Nacht im Sheraton spendiert und flogen dann morgens um 6 in aller Herrgottsfrühe in Richtung Frankfurt.
Ein anstrengender, aber wirklich überaus lohnenswerter Trip, den ich nächstes Jahr hoffentlich wiederholen werde.
Freerotation Festival July 22-25 Special by Roberto Q. Ingram







