In den letzten Tagen geisterte mal wieder eine Schreckensmeldung durch die Massenmedien, die eine offensichtliche Ähnlichkeit zu Nachrichten wie die über Schweinegrippe, CO2 oder dem Waldsterben hatte. Die Rede ist von einer angeblich neuen Form von Drogen, die man im Gegensatz zum guten alten Koks aber nicht mehr beim Bahnhofschecker um die Ecke bezieht, sondern einfach über eine handelsübliche Internetleitung downloaden kann. Ja, richtig gelesen, wo sich die Einen noch mit Drogenrazzien, Fahrverbot und öligen Dealern herum ärgern müssen, laden clevere Kids von heute ihre Drogen kostenlos aus dem Netz. Jugendschützer und Drogenexperten laufen laut Pressetext-Meldung “Sturm” um die Flut dieser “neuartigen Schreckgespenster einzudämmen”. “Digitale Drogen” sind übrigens Audiodateien, die beim Anhören “sicher und legal high” machen sollen. Aha…!?
Wird nach der allgemeinem Krise in der Musikindustrie nun auch die Drogenindustrie mitsamt der Justiz Opfer des Internets? Müssen wir ab jetzt damit rechnen, dass nicht nur Kinderpornos und terroristische Inhalte per Stoppschild gesperrt werden, sondern auch ganz normale Musik? Haschisch per Creative Commons? USB Zapfhähne für digitales Bier? Und das alles auch noch kostenlos und frei kopierbar? Ein nicht auszudenkender wirtschaftlicher Schaden für Tabakindustrie und Mafia.
Ich wollte es nun wirklich wissen und so machte ich mich sofort auf die Suche zum nächsten virtuellen Drogenumschlagplatz um mir den ersten digitalen Rausch meines Lebens einzubauen…
Binaurale Beats
Nach ca. 2 Minuten googlen dann die Ernüchterung. “Digitale Drogen” gibt es wie behauptet gar nicht erst seit kurzem, sondern schon seit 1839 und nennen sich auch gar nicht “Droge” sondern Binaurale Beats. Das erste Mal, dass ich mit dieser Art von Audiomaterial in Berührung gekommen bin, war um 1994, als ich bei einem Versandhandel Musik-CDs bestellte, mit denen sich meditative Zustände einfacher als mit herkömmlichem Ambient erreichen lassen sollten.
Das Konzept ist einfach und kann mit jedem handelsüblichen Synthesizer umgesetzt werden: Man nehme zwei Sinuswellen leicht unterschiedlicher Frequenz auf je einem Stereokanal. Das Ergebnis ist dann eine Art Pulsieren (ähnlich eines LFOs) das eine beruhigende Wirkung auf das Gehirn haben kann. Werden zwei geringfügig unterschiedliche Frequenzen getrennt über Stereokopfhörer gehört, wird im Gehirn eine dritte Frequenz wahrgenommen, die der Differenz der ursprünglichen Frequenzen entspricht. Je nachdem welche Frequenz hier benutzt wird, kann es beim Hören über Stereo-Kopfhörer zu einer Veränderung der Hirnwellen kommen.
Letztendlich werden mit dieser Methode also völlig normale Zustände wie z.B. “Alpha” (sehr entspannt) oder “Delta” (Schlaf) hervorgerufen, die mit einem Drogenrausch überhaupt nichts zu tun haben. Im Gegenteil: Hört man eine Lern-CD, z.B. “Business-English” mit einem Alpha Signal im Hintergrund und entspannt sich dabei entsprechend, so werden die Informationen vom Gehirn wesentlich besser verarbeitet, als im “normalen” Beta-Zustand. Sicherlich werden Frequenzen lustig, die weit über den normalen Beta-Zustand hinausgehen. Klar, dass man dann das Gegenteil von Entspannung erntet und durchaus in Richtung Kaffee oder Kokain tendieren kann. Wer`s brauch…
An Beiträgen dieser Art erkennt man wieder einmal, dass man nicht jeden Quatsch, der über die Massenmedien verbreitet wird glauben sollte. Wer im Endeffekt von solchen Desinformationen profitiert, ist unklar.
Also liebe Eltern: Was eure Kinder da downloaden und anhören entspannt sie. Diese Zustände -zumindest alles unter Beta- sind für uns Menschen enorm wichtig und fördern unser Kreativität und unsere geistige Entwicklung und haben mit Drogen nichts zu tun… Ganz im Gegenteil.
Übrigens: Wem die digitalen Drogen zu soft sind und wer einen Rausch mit einer harten Droge benötigt, kann dies mit Hilfe des Supermarktes seiner Wahl in Form von Alkohol nachholen.
Hier mal ein Beispiel für Binaurale Beats
Pressetext-Meldung
Binaurale Beats ohne Vordergrundmusik in allen möglichen Frequenzen
IDoser. Ein Programm für PC

